Warum Deutschland es mit der Digitalisierung schwer haben wird

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Kaum ein Tag vergeht, an dem in den verschiedenen Medien nicht über Digitalisierung gesprochen wird. Im Zusammenhang mit dem Arbeitsleben häufig negativ:  Arbeitsplätze fallen weg. Menschen werden durch Maschinen ersetzt werden. 47% der Jobs verschwinden in den nächsten 25 Jahren.

Ja, wir wissen nicht was kommt. Aber was kommt, muss nicht notwendigerweise schlechter sein.

Beispiel Roboter: welches Bild entsteht in deinem Kopf, wenn ich die Worte „Roboter“ und „Pflegeheim“ in einem Satz kombiniere? Welches Gefühl macht sich in deinem Bauch breit? Wahrscheinlich ein Negatives, richtig? Die Vorstellung, dass uns ein kalter, chromblitzender Roboterarm den – Entschuldigung – Hintern abwischt, uns füttert und uns Medikamente einflößt, während wir hilflos im Bett liegen und nicht abhauen können, ist wahrlich ein Schreckensszenario.

Aber das ist auch, von überarbeitetem, genervtem und gestresstem Pflegepersonal gewaschen und gefüttert zu werden. Das so getaktet ist, dass keine Zeit für ein persönliches Wort oder eine freundliche Geste ist. Und das zudem auch noch häufig wechselt, weil niemand diesen Job länger als ein paar Jahre machen kann – schon rein körperlich nicht.

Die heutige Realität ist leider oft näher am zweiten als am ersten Szenario. Denn, machen wir uns nichts vor: nicht alle Jobs heutzutage sind eitel Sonnenschein, sind anspruchsvoll genug, dass wir sie auch nach Jahren noch interessant finden, aber gleichzeitig nicht so stressig, dass wir nicht zielsicher in den Burnout steuern. Und nicht alle Menschen (auch nicht im Dienstleistungssektor) machen ihren Job so gut und gerne, dass es eine wahre Freude ist, sich in ihrer Gegenwart aufzuhalten.

In seinem Buch „Mythos Fachkräftmangel“ (sehr empfehlenswertes Buch!) beschreibt Martin Gaedt (sehr empfehlenswertes Interview!) ein Pflegeheim in den Niederlanden, dass bereits heute schon Roboter in der Pflege einsetzt (OMG, ich hab’s getan – ich habe beide Wörter in einem Satz verwendet!!). Und zwar beispielsweise für körperlich anstrengende Tätigkeiten, wie die Senioren aus dem oder ins Bett zu heben oder umzulagern. Das Resultat? Das Pflegepersonal wurde entlastet, fiel nicht so häufig aus Krankheitsgründen aus (der Rücken!), und hatte mehr Zeit für den zwischenmenschlichen Kontakt zur Verfügung, für ein liebes Wort, eine gehaltene Hand. Durch die geringeren Ausfallraten (und aus Überzeugung) wurde das Pflegepersonal zudem besser bezahlt als der Durchschnitt, und arbeitete noch lieber in diesem Heim. Das Resultat: keine unbesetzten Stellen. Kein Fachkräftemangel. Glückliche Mitarbeiter. Glückliche Patienten. Roboter im Pflegeheim.

Deshalb an dieser Stelle ausdrücklich: Digitalisierung ist nicht per se schlecht. Im Gegenteil: sie bietet viele Chancen – wenn man ein wenig nachdenkt und flexibel ist.

Womit wir schon bei einem Problem Deutschlands angelangt sind: der Flexibilität.

Wie eingangs erwähnt, sind laut einer Oxford-Studie aus dem Jahr 2013 in den nächsten 25 Jahren fast die Hälfte der heutigen Jobs in Gefahr.

Gleichzeitig entstehen neue Jobs, von denen wir heute noch gar nichts wissen. Und genau hier liegt der Hund begraben:

Deutschland ist ein Ausbildungsland. Viele Länder beneiden uns um das System der dualen Ausbildung, der Kombination aus praktischem Lernen im Unternehmen und Theorieunterricht in der Berufsschule. Dadurch erlangen Arbeitnehmer ein fundiertes Wissen in ihrem Bereich – soweit, so gut.

Gleichzeitig führt das aber auch dazu, dass sich Firmen schwer damit tun, Bewerber als Quereinsteiger in einen nicht erlernten Beruf einzustellen. Weil es schlicht und einfach vom System nicht vorgesehen ist, dass wir einen Beruf ausüben, den wir nicht von der Pieke auf gelernt haben.

Und da es über Jahre und Jahrzehnte auch gar nicht üblich war (viele Arbeitnehmer aus den Geburtsjahrgängen bis in die 1980er Jahre hinein sind mit der Erwartung in eine Ausbildung gegangen, in dieser Firma auch in Rente zu gehen), sind viele Unternehmen, sind viele Personaler noch in der alten Denke verhaftet. Und tun sich folglich schwer damit, Quereinsteiger einzustellen.

Aber genau diese Flexibilität im Denken und im Handeln, dieses Zulassen von Ungewöhnlichem, und ja, die Akzeptanz von „ungeraden“ Lebensläufen, brauchen wir, um zukunftsfähig zu bleiben – sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Arbeitnehmern.

Quereinsteiger werden in den kommenden Jahren einen immer größeren Teil der Bewerber ausmachen (müssen). Angelsächsische Länder sind uns in diesem Punkt um Jahrzehnte voraus: sie kennen unser System einer 3-jährigen dualen Ausbildung nicht. Die meisten Arbeitnehmer werden „on the job“ angelernt, und sind folglich per se Quereinsteiger. Das führt zu einer generellen Offenheit gegenüber Erfahrungen aus unterschiedlichen Bereichen. Und das hilft, auch „nach vorne“ offen zu sein. Und flexibel.

Lasst uns ein bisschen querer sein, ein bisschen schräger, ein bisschen ungewöhnlicher. Das öffnet den Horizont – unseren eigenen. Und den unseres Landes.

(kürzlich haben wir eine Podcastfolge zum Thema Quereinstieg (und wie er gelingt) gemacht. Hier findest du sie)

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