Warum reden plötzlich alle über Werte?

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Ich habe das Gefühl, das plötzlich alle Welt über Werte spricht. Wir suchen nach dem Sinn des Lebens – und müssen vorher unsere Werte definieren. Wir wollen bei einem attraktiven Arbeitgeber arbeiten – und überprüfen die Unternehmenswerte. Wir haben einen neuen tollen Partner und erzählen begeistert unserer besten Freundin, dass wir die gleichen Werte teilen (war es nicht früher mal ein Auswahlkriterium, ob der Sex gut ist? Aber das ist ein anderes Thema..).

Auch beruflich stelle ich fest, dass das Thema „Werte“ immer häufiger in den Vordergrund rückt: Auftraggeber verlangen in der Konzeptionsphase, in Trainings auf das Wertethema einzugehen und die Teilnehmer darüber arbeiten und reflektieren zu lassen. Im Karrierecoaching erlebe ich ebenso, dass Klienten einen besonderes Augenmerk auf die Werte eines Unternehmens legen, bei dem sie sich bewerben möchten (oder halt eben nicht). Sogar Bastian kam in unserer letzten Podcastfolge (hier ist der Link) mit dem Thema um die Ecke. Warum? Weil ein Klient ihn darauf angesprochen hatte.

Zunächst einmal: Werte sind wichtig. Punkt. Unsere Werte sind unser innerer Kompass und zeigen uns an, was für uns richtig ist. Unsere Werte geben bestimmten Dingen einen Wert,  und können dadurch die Grundlage für unsere Handlungen sein. Unser größter Wert ist Gesundheit? Dann achten wir auf gutes Essen und viel Bewegung. Unser größter Wert ist Familie? Dann tun wir alles dafür, dass wir so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen.

Oder nicht? Aha – da geht es schon los. Jeder interpretiert Werte anders, und bei jedem löst der eigene Wert eine unterschiedliche Handlung aus.

Wenn wir gegen unsere eigenen Werte handeln, fühlen wir uns unwohl. Auch merken wir ganz schnell, ob jemand gegen unsere Werte verstößt, denn auch dann macht sich meist ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend breit. Gemeinsame Werte sind auch wichtig für eine Gemeinschaft, denn geben den Dingen einen Wert, und beeinflussen dadurch die Art, wie wir miteinander umgehen, und sind eng mit Ethik und Moral verknüpft (und werden deshalb oft verwechselt). Deshalb ist es gut und wichtig, sich einmal über die eigenen Werte Gedanken zu machen – und vielleicht auch mal ein wenig darüber zu philosophieren. Vielleicht helfen dir meine Fragen ja dabei.

Sind Werte unumstößlich?

Sollten Werte das einzige Entscheidungskriterium sein? Und: kann die Frage nach den eigenen Werten überhaupt abschließend behandelt werden? Ist es nicht vielleicht sogar so, dass sich manche Werte gegenseitig in die Quere kommen – weil sie einander widersprechen? Und sind es dann überhaupt ECHTE Werte, oder nur Lippenbekenntnisse?

Kann eine Firma, wenn sie eine gewisse Größe überschritten hat, überhaupt behaupten, Werte zu haben? Oder müsste man dann nicht vielmehr von Handlungsempfehlungen für die Mitarbeiter sprechen?

Können einzelne Abteilungen nicht auch eigene Werte haben, die vielleicht sogar mit den Werten anderer Abteilungen kollidieren?

Verändern sich Werte durch die Ausübungen eines bestimmten Berufes, oder hängt die Berufswahl von den Werten ab?

Können wir die Werte eines Unternehmens verändern, indem wir dort arbeiten?

Wie wichtig sind uns unsere eigenen Werte – und was sind wir bereit, dafür zu tun?

Verändern sich Werte mit der Zeit, in der wir leben? Hat unsere Elterngeneration andere Werte gehabt? Und die Großeltern? Und die Ur-… – ach, egal.

Verändern sich Werte mit steigendem Lebensalter? Und ändern sich dann die Werte, oder die Gewichtung? Oder die Prioritäten? Oder die Art und Weise, wie wir sie interpretieren?

Ist es wirklich wichtig, dass wir mit unserem Partner die gleichen Werte teilen? Und sind es wirklich die gleichen Werte, die wir teilen, oder „nur“ unsere Vorstellung vom Leben, unsere Träume, die wir gemeinsam haben?

Suchen wir unsere Partner wirklich, WIRKLICH nach den Werten aus? Oder sind es die Hormone, die uns lenken, und wir suchen dann nach einer rationalen Begründung für eine emotionale Entscheidung?

Bedeuten Werte wie „Familie“ oder „Freiheit“ das Gleiche für alle Menschen? Wahrscheinlich eher nicht. Weißt du denn überhaupt genau, was es für DICH bedeutet? Und kann sich DAS im Laufe des Lebens ändern?

Braucht es denn überhaupt die über 400 verschiedenen Werte, die definiert sind (wenn man die Synonyme dazu rechnet, sind es wohl mehr als 1200…)?

Wird zu viel über Werte nachgedacht – oder zu wenig?

Kann man Werte lernen?

Können Kinder andere Werte haben als ihre Eltern? Und wenn ja, warum – wenn Werte doch ganz früh durch Vorbilder entstehen?

Passen die Menschen ihre Werte an ihre Umgebung an? Und wenn ja, waren es dann echte Werte?

Gibt es „coole“ und „uncoole“ Werte?

Wo können sich Menschen über die Werte eines Landes informieren? Und sollten sie ihre Urlaubsentscheidungen davon abhängig machen? Oder werde ich gerade albern?

Nein, jetzt mal im Ernst: sollten Menschen, die auswandern, sich mit den Werten des Landes beschäftigen, in das sie ziehen möchten? Und wenn ja, wie machen sie das?

Hat Deutschland eine Liste von Werten, die man nachlesen kann? Und gibt es überhaupt „deutsche Werte“?

Sind das, was gemeinhin als „Werte“ bezeichnet wird, nicht eher „Normen“, also Regeln und Verhaltensvorschriften?

 

In der WAZ gab es im Januar 2016 mal einen tollen Artikel zum Thema „Werte“, in dem der Philosophie-Professor Andreas Niederberger die Unterschiede zwischen Werten, Normen und Tugenden ganz schön erklärt:

  • Werte geben den Dingen Wert – sie verbieten oder fordern aber nichts Konkretes, um sie zu erreichen. Sie geben keine bestimmte Handlung vor. Sie lassen sich nicht in Vorschriften oder Verbote übersetzen.
  • Normenbestimmen, ob und welche Handlungen richtig oder falsch sind. Sie werden durch Moralauffassungen oder in der Gesellschaft festgelegt, etwa als moralisches Gebot oder Gesetz.
  • Tugendendrücken aus, wie tief Moralität und „gutes“ Handeln in einem Menschen stecken. Tugenden beschreiben sozusagen die Handlungsweise eines Menschen.

So, und jetzt noch einmal zum Thema Werte zurück: ist das, was wir gemeinhin als Wert bezeichnen, nicht manchmal eher eine Norm, oder eine Tugend? Vermischen wir da die Begrifflichkeiten nicht allzu oft? Ist beispielsweise „Pünktlichkeit“ ein Wert, oder eine Tugend? Oder gar eine Norm? Oder alles? Lass mich das mal auseinander klamüsern.

Für den einen könnte Pünktlichkeit ein Wert sein („ich lege Wert auf Pünktlichkeit“). Gleichzeitig könnte es Unternehmensvorgabe sein, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen – dann ist es eine Norm. Und es ist dann eine Tugend, wenn jemand immer pünktlich ist. Oder ist Pünktlichkeit nur in den Augen derjenigen eine Tugend, deren Wert das auch ist? Jetzt kommen wir der Sache schon näher, denke ich.

Wenn wir diese Erklärungen zu Rate ziehen, müssen wir uns allerdings die Frage stellen, ob wir bei der Wahl des Arbeitgebers (und des Partners) wirklich auf die WERTE schauen sollten, oder nicht doch lieber auf die NORMEN. Denn wenn Werte keine bestimmte Handlung vorgeben (da ein Wert ja durch unterschiedliche Dinge erreicht werden kann – beispielsweise kann der Wert „Frieden“ mit oder ohne Waffengewalt durchgesetzt werden), können wir ja nicht sicher sein, dass die Werte auch so gelebt werden, wie wir uns das vorstellen. Oder? Ach, ich weiß es auch nicht. Was denkst du?

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