Das ist falsch! Oder: warum Fehler machen so wichtig ist

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Ein Junge läuft von der Schule nach Hause, in der Tasche das korrigierte Diktat. Richtigerweise müsste man sagen: er schleicht. Denn er hat Angst nach Hause zu kommen. Das Blatt ist voller roter Striche, und der Lehrer hat darunter geschrieben „7 Fehler“. Als er schließlich doch zuhause ankommt, warten beide Eltern auf ihn – auch das noch. Nach dem Mittagessen fragt ihn seine Mutter beiläufig nach dem Diktat. Er seufzt, geht zum Schulranzen und bringt ihnen den Beleg seines Versagens. Seine Mutter schaut sich die Klassenarbeit an, und überreicht sie seinem Vater. Der liest sie ebenso gründlich. Dann schaut er seine Frau an, nickt kurz, sie nickt zurück. Beide wenden sich an ihren Sohn, strahlen ihn an und sagen: „Ein Diktat mit 100 Wörtern, und du hast 93 richtig. Gut gemacht!“

Ist das der übliche Umgang mit Fehlern? Eher nicht – aber vielleicht sollte er das sein. Denn nur durch Fehler lernen wir.

Vor nicht allzu langer Zeit musste ich gegenüber meinen Kindern zugeben, dass ich einen Fehler gemacht hatte. („Musste ich zugeben..“ – wie das schon klingt! Geben wir Fehler nur zu, wenn wir sie nicht mehr vertuschen können? Diese Redewendung legt die Vermutung nahe..)

Also, noch mal: vor nicht allzu langer Zeit gestand ich meinen Kindern… schon wieder so ein Begriff: „Ich gestehe! Alles!“. Auch blöd.

Okay, versuchen wir es anders: vor nicht allzu langer Zeit machte ich einen Fehler. Ich erzählte meinen Kindern davon. Nicht, weil ich es musste, oder weil ich mein Gewissen erleichtern wollte – sondern weil ich meinen Kindern einen gesunden Umgang mit Fehlern, ja, eine gute Fehlerkultur beibringen möchte. Und was antwortete mein Großer (schlaue 7 Jahre alt)? „Das macht doch nichts, Mama. Wir machen alle jeden Tag Fehler. Ich auch.“ HA! Da soll mal einer sagen, dass meine Erziehungsmaßnahmen nicht ankommen! Ich war soo stolz…. J

Warum aber fällt es uns so schwer, Fehler zuzugeben, einzugestehen, einzuräumen?

Ich denke, zum Einen liegt es an der Bewertung von Fehlern, die wir schon aus Schulzeiten kennen. Fehler gelten als Makel, als Zeichen von Versagen, von Unfähigkeit, von Faulheit – ja, vielleicht sogar als Zeichen von Dummheit? Wenn wir Fehler machten, fühlten wir uns klein, und schämten uns. Dieses Gefühl werden wir als Erwachsene offenbar nicht mehr los. Das heißt: Fehler erinnern uns an unser Versagen als Kind, und wir fühlen uns minderwertig. Noch schlimmer ist es, wenn uns jemand auf unsere Fehler hinweist: dann fühlen wir uns nicht nur per se minderwertig, sondern das auch noch im Vergleich zu jemand anderem! (das erklärt auch die Reaktion mancher Menschen, wenn man sie auf Fehler hinweist: von eingeschnappt über sauer bis aggressiv habe ich schon alles erlebt).

Zum anderen erleben wir in den Medien eine Erfolgsgeschichte nach der anderen – makellose Menschen, die auf der Erfolgswelle schwimmen (während wir vom Surfbrett fallen und Salzwasser schlucken), und dank grünem Smoothie, jeder Menge klarem Quellwasser und dem Umgang mit den richtigen Leuten das perfekte Leben führen. Das vergleichen wir dann mit unserem – den grünen Smoothie mögen die Kinder nicht, deshalb haben wir aufgegeben, ihn jeden Morgen zu mixen. Klares Quellwasser ist im Ruhrgebiet nur in Flaschen zu haben, und die sind so schwer. Und die richtigen Leute – wo sollen wir die denn noch kennenlernen, inmitten unserem hektischen Alltag? So machen wir einen Fehler nach dem anderen (wir machen uns morgens einen Kaffee, trinken das Wasser aus dem Hahn, treffen uns wieder (!) mit unseren alten Freunden), und? Richtig – wir fühlen uns wieder minderwertig.

Weiter geht’s im Job – weil wir zu viel zu tun hatten, haben wir am Vortag vergessen, einen wichtigen Brief zur Post zu bringen. Was macht der Chef? Er beordert uns in sein Büro und macht uns lang. Und wie fühlen wir uns? Genau!

Abgesehen davon, dass jeder die freie Wahl hat, wie er leben möchte (und ob Kaffee und Kranenberger dazugehören sollten), ist es elementar wichtig, Fehler zu machen – denn nur dann lernen wir. Auch für Unternehmen ist es elementar wichtig, dass die Mitarbeiter Fehler machen, weil dadurch Schwachstellen im System aufgedeckt und behoben werden können.

Beispiel der vergessene Brief: wir hatten am Vortag zu viel zu tun, und dadurch ist es uns durchgegangen – ist passiert, ist ärgerlich. Aber ist es noch rückgängig zu machen? Nein. Anstatt uns rundzumachen, wäre der Chef besser bedient, uns zu fragen, warum wir so viel zu tun haben.

Vielleicht ist die Kollegin kurzfristig krank geworden, wir mussten ihre Aufgaben übernehmen – hatten das aber noch nie gemacht, und die Kollegin hat auch keine für uns logische Ordnung auf ihrem Schreibtisch? Dann könnte eine Lösung sein, für die Zukunft eine Vertretungsregelung (mein derzeitiges Lieblingswort! ;-)) zu schaffen, und sich gegenseitig in die eigenen Aufgabengebiete einzuweisen.

Vielleicht sind durch verschiedene Maßnahmen aber auch mehr Aufgaben bei uns gelandet, als wir menschenmöglich handeln können? Dann wäre eine Idee, die Aufgaben neu zu verteilen.

Vielleicht sind wir aber auch einfach nur überfordert, weil wir nie gelernt haben zu priorisieren? Dann könnte uns ein Seminar in Zeit- und Selbstmanagement helfen.

Das alles bekommt der Chef aber nur raus, wenn er mit uns spricht.

In einem Kurs von Bob Proctor, den ich gerade mache, habe ich die folgenden „Rules for Being Human“ – Regeln fürs Menschsein – gefunden:

“You will receive a body. You may like it or hate it but it will be yours for this time around.

You will learn lessons. You are enrolled in a full-time informal school called life. Each day in this school you will have the opportunity to learn lessons. You may like the lessons or think them irrelevant or stupid.

There are no mistakes, only lessons. Growth is a process of trial and error-experimentation. The failed experiments are as much a part of the process as the experiment that ends up working.

A lesson is repeated until learned. A lesson will be presented to you in various forms until you have learned it. When you have learned it you can then go on to the next lesson.

Learning lessons does not end. There is no part of life that does not contain lessons. If you are alive, there are lessons to be learned.”

 (“Du wirst einen Körper erhalten. Du magst ihn lieben oder hassen, er ist deiner für die Zeit, die du hier bist.

 Du wirst Lektionen lernen. Du besuchst eine informelle Vollzeit-Schule, die sich Leben nennt. An jedem einzelnen Schultag wirst du die Gelegenheit haben, neue Lektionen zu lernen. Es mag sein, dass du diese magst, vielleicht findest du sie aber auch irrelevant oder dumm.

 Es gibt keine Fehler, nur Lektionen. Wachstum ist ein Prozess von Versuch und Irrtum, ein Experiment. Die fehlgeschlagenen Experimente sind ebenso Teil des Prozesses wie das Experiment, das erfolgreich war.

 Eine Lektion wird so lange wiederholt, bis du sie gelernt hast. Dafür wird sie in unterschiedlichen Formen auftauchen – bis du sie gelernt hast. Wenn du sie dann gelernt hast, kannst du zur nächsten Lektion übergehen.

 Der Prozess des Lernens wird niemals enden. Es gibt keinen Teil deines Leben, der keine Lektionen beinhaltet. So lange du lebst, gibt es Lektionen zu lernen.“)

(Autor unbekannt)

Wenn ich mir diesen Text so durchlese, frage ich mich schon, warum in unserer Gesellschaft so einen Bohei um Fehler gemacht wird. Meiner Meinung nach ist das Konzept des Fehlermachens in sich fehlerhaft. Denn wie können wir etwas, was uns hilft, uns weiterzuentwickeln (persönlich oder als Organisation) denn mit solch einem Stigma belegen?

Was würde wohl geschehen, wenn mit einem Streich Fehler als Konzept aus dem Gehirn aller Menschen gelöscht wäre? Die Menschen würden wahrscheinlich neugierig und voller Tatendrang alles Mögliche ausprobieren. Und wenn es nicht funktioniert? Dann probieren sie es halt auf eine andere Art und Weise. Solange, bis es endlich klappt. Hätten wir dann nicht viel mehr Spaß im Leben? Und – für Organisationen natürlich noch viel wichtiger – hätten wir dann nicht viel mehr Innovationen? Weil wir nicht wussten, dass es so nicht geht, dass dieser Weg falsch ist, und es einfach probieren – und, hoppla!, es funktioniert!

Kinder machen das so. Stell dir vor, ein Kleinkind versucht aufzustehen – und plumpst auf den Popo. Was wäre, wenn das Kind dächte, „so ein Mist – jetzt habe ich einen Fehler gemacht. Das mach ich aber nicht noch mal“? Dann lernte es niemals laufen!

Nun ist es natürlich schön und gut und einfacher gesagt als getan, als „Indianer“ in einer Organisation zu beschließen, dass Fehler machen okay ist – wenn die „Häuptlinge“ nicht mitspielen. Natürlich kannst du versuchen, deiner Führungskraft zu erklären, warum es wichtig ist, Fehler zu machen, dass du und das Unternehmen nur davon lernen können und dass er (oder sie) sich deshalb bitte nicht so aufregen soll. Das funktioniert ganz bestimmt! (nicht). Mein Tipp an dieser Stelle: sprich das Thema Fehlerkultur im nächsten Meeting grundsätzlich an. Recherchiere interessante Artikel (oder diesen Blogbeitrag J) zum Thema Fehlerkultur in anderen Unternehmen, und leite diese ans Team (inkl. der Führungskraft) weiter. Steh zu deinen Fehlern – wenn du einen gemacht hast, gehe offensiv damit um, und kommuniziere gleichzeitig, was du beim nächsten Mal anders machen wirst, um den Fehler nicht noch einmal zu machen.

Und wenn du selber Führungskraft bist, und dich manchmal dabei erwischst, Fehler deiner Mitarbeiter nicht durchgehen zu lassen, sondern dann gerne mal aus der Haut fährst: reflektiere dich selbst, warum es dich wütend macht, wenn Fehler passieren. Siehst du diese als ein Zeichen deines eigenen Versäumnisses (weil du die Arbeitslast deiner Mitarbeiter nicht im Blick hattest, nicht dafür gesorgt hast, dass diese gut eingearbeitet sind etc.), und bist eigentlich wütend auf dich selbst? Hast du manchmal selber das Gefühl, nicht gut genug, nicht perfekt genug zu sein, und machst andere (unbewusst) runter, um dich selber zu erhöhen? Bist du eigentlich wegen etwas ganz anderem gestresst, und kannst die zusätzliche Arbeitsbelastung, die das Ausbügeln eines Fehlers mit sich bringt, nun gar nicht gebrauchen? Oder ist es etwas ganz anderes? Sei ehrlich – wenigstens mit dir selbst J

Und übrigens – wenn du Angst hast, dass das Team in Zukunft schlunzig arbeitet, wenn du Fehler nicht mehr ahndest, kann ich dich beruhigen: Untersuchungen haben gezeigt, dass die Fehlerwahrscheinlichkeit sinkt, nachdem Mitarbeiter für ihre Fehler gerügt wurden. Allerdings tut sie das auch, wenn sie nicht gerügt wurden. Warum? Weil wir Menschen in der Regel aus dem lernen, was wir falsch gemacht haben. Und in Zukunft versuchen werden zu vermeiden, das noch einmal zu tun.

Also: Entspannt euch, bitte. Macht Fehler. Lernt daraus. Und habt Spaß an dem, was ihr tut – dann werdet ihr automatisch versuchen, das auch gut zu machen.

Du möchtest unsere Podcastfolge zu diesem Thema hören? Dann geht das hier

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